Expertengespräche in Brüssel
Industriepolitik, Verteidigung und Mittelstand zusammengedacht
Die Sprecherinnen und Sprecher des Frühstücks mit PKM Europe im Europäischen Parlament am 7.04.2026: Markus Ferber, Estelle Göger, Diane Robers, Marion Walsmann, Niclas Herbst
HSS Europa-Büro Brüssel
Wirtschaftliche Abhängigkeit als Sicherheitsrisiko
Lange galt globale Arbeitsteilung als Garant für Effizienz und Wachstum. Diese Annahme gerät zunehmend unter Druck: Lieferketten erweisen sich als fragil, technologische Abhängigkeiten werden zu politischen Druckmitteln. Für den CSU-Wirtschafts- und Finanzexperten Markus Ferber folgt daraus die Notwendigkeit einer ehrlichen Bestandsaufnahme europäischer Industriekompetenzen: Welche Fähigkeiten sind noch vorhanden? Wo bestehen kritische Abhängigkeiten und wie können verlorene Kompetenzen zurückgewonnen werden, ohne die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden?
Die Europaabgeordnete Marion Walsmann verweist auf eine sicherheitspolitische Zeitenwende. Verteidigung sei nach Jahren relativer Vernachlässigung wieder zu einer zentralen Voraussetzung staatlicher Souveränität geworden und wirtschaftliche Stärke sowie militärische Sicherheit nicht mehr getrennt zu betrachten.
Aus Sicht der Europäischen Kommission entsteht damit ein Spannungsfeld zwischen offenen Märkten und der gezielten Sicherung strategischer „Engpassbereiche“ in globalen Wertschöpfungsketten. Ziel ist nicht Autarkie, sondern strategische Handlungsfähigkeit in Schlüsseltechnologien wie Halbleitern, KI, Cloud-Infrastrukturen und sicherheitsrelevanten digitalen Systemen. Zwar verfügt Europa über starke Forschung und hochqualifizierte Fachkräfte, doch strukturelle Defizite, insbesondere Marktfragmentierung, unvollständige Kapitalmarktintegration und geringe Skalierungsfähigkeit, bremsen die industrielle Umsetzung.
Europa leidet also weniger unter fehlenden Ressourcen als an mangelnder Koordination und politischem Willen in den Mitgliedstaaten. Besonders sichtbar wird dies in der Verteidigungsindustrie. Nationale Alleingänge, unterschiedliche Standards und ineffiziente Beschaffungsprozesse verhindern Skaleneffekte und verzögern Projekte.
Für Nicolás Pascual de la Parte, EVP-Koordinator im Ausschuss für Sicherheit und Verteidigung des Europäischen Parlaments, ist daher ein echter europäischer Binnenmarkt für Verteidigung entscheidend. Ohne gemeinsame Strukturen werde Europa weder industrielle Stärke noch militärische Handlungsfähigkeit erreichen. Gleichzeitig bleibt die NATO der zentrale sicherheitspolitische Rahmen – europäische Initiativen sollen diesen ergänzen, nicht ersetzen.
Sprecherin und Sprecher des Expertenfrühstücks am 25.03.2026: Markus Ferber, Nicolás Pascual de la Parte, Diane Robers, Frank Walthes, Kilian Gross, Sandro Knezović u.a.
HSS Europa-Büro Brüssel
Der Mittelstand als strategischer Schlüsselakteur
Während industriepolitische Debatten meist von Interessen der Großkonzerne geleitet werden, rückte in beiden Diskussionen vor allem der Mittelstand in den Fokus. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bilden nicht nur das Rückgrat der europäischen Wirtschaft, sondern auch eine zentrale Säule sicherheitsrelevanter Wertschöpfungsketten. Sie treiben Innovationen voran, sichern industrielle Substanz in Europa und gelten als besonders anpassungsfähig gegenüber technologischen Veränderungen.
Gleichzeitig zeigt sich ein strukturelles Spannungsfeld: Trotz ihrer strategischen Bedeutung werden KMUs überproportional durch Bürokratie, fragmentierte Binnenmärkte und eingeschränkten Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten ausgebremst. Hinzu kommt ein zunehmender Innovationsdruck. Technologische Entwicklungszyklen verkürzen sich, während geopolitische Konflikte die Notwendigkeit schneller industrieller Anpassung erhöhen.
In diesem Kontext gewinnt auch militärische Forschung an Bedeutung als indirekter Innovationstreiber für zivile Anwendungen. Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz, Quantentechnologie oder Raumfahrt entstehen zunehmend im Spannungsfeld zwischen Sicherheitsanforderungen und Marktlogik. Entscheidend wird sein, ob Europa seine starke Forschungsbasis künftig konsequenter in skalierbare Produkte und wettbewerbsfähige Geschäftsmodelle überführen kann. Wie unter anderem Prof. Dr. Diane Robers hervorhebt, erschweren komplexe Regulierungssysteme im militärischen Bereich sowie unterschiedliche Regulierungsansätze für zivile und militärische Anwendungen im Dual-Use-Bereich insbesondere kleineren Unternehmen den Marktzugang; und selbst gut konzipierte Förderprogramme verlieren an Wirksamkeit, wenn ihre Umsetzung zu komplex und administrativ aufwendig bleibt.
Expertenrunde in der Bayerischen Vertretung am 25.03.2026
HSS Europa-Büro Brüssel
Zwischen Anspruch und Realität
Aus Sicht von Sandro Knezovic liegen Europas zentrale Schwächen in der Kombination aus Fragmentierung, unklaren politischen Signalen und fortbestehenden externen Abhängigkeiten. Diese Faktoren haben unmittelbar negative Auswirkungen auf Investitionen, Innovationsprozesse und die industrielle Skalierungsfähigkeit. Doch gibt es auch einen positiven Befund: Europa verfügt über leistungsfähige Forschungseinrichtungen, eine breite industrielle Basis sowie einen starken Mittelstand. Auch die institutionellen Instrumente – von Förderprogrammen bis zu neuen industriepolitischen Initiativen – sind grundsätzlich vorhanden.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die stärkere Verzahnung von Industriepolitik, Verteidigungsstrategie und Innovationsförderung an Bedeutung. Militärische Forschung wird zunehmend als Impulsgeber für zivile Innovation verstanden, während der Ausbau von Dual-Use-Technologien als strategische Notwendigkeit gilt. Entscheidend ist dabei, wirtschaftliche Anreize, sicherheitspolitische Anforderungen und industriepolitische Zielsetzungen stärker kohärent auszurichten sowie den Austausch und das Verständnis zwischen diesen unterschiedlichen Säulen gezielt zu stärken.
Ein weiterer zentraler Hebel liegt in der europäischen Integration selbst. Der Abbau von Fragmentierung durch die Vollendung des Binnenmarktes, durch Standardisierung, harmonisierte Beschaffungsprozesse und grenzüberschreitende industrielle Cluster wird als Voraussetzung für mehr Effizienz und Innovationsdynamik gesehen.
Fazit: Europas Handlungsfähigkeit entscheidet sich jetzt
Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob Europa handeln muss, sondern wie schnell und kohärent es gelingt, Fragmentierung zu überwinden, zum Beispiel durch eine Energie- und Verteidigungsunion und eine gemeinsame Rohstoffstrategie, und den Mittelstand stärker einzubinden. Nur hierdurch kann Europa seine Rolle als wirtschaftlicher und geopolitischer Akteur festigen. Scheitert diese Integration, droht hingegen ein schleichender Verlust an Einfluss – wirtschaftlich wie sicherheitspolitisch.
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Prof. Dr. Diane Robers
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