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EU–USA-Beziehungen
Nicht alles ist verloren: 9 Überlegungen zu einer Partnerschaft, die erneuert werden muss

Nur wenige Beziehungen haben die heutige Welt so tief geprägt wie die transatlantische Partnerschaft zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Peter Hefele skizziert die notwendigen Schritte, um Vertrauen wieder zu stärken und die transatlantische Zusammenarbeit als Pfeiler europäischer Sicherheit, politischer Stabilität und künftigen Wohlstands neu zu verankern.

"Die transatlantische Partnerschaft bleibt unverzichtbar – doch sie braucht eine Erneuerung", meint Peter Hefele vom Wilfried Martens Centre for European Studies.

"Die transatlantische Partnerschaft bleibt unverzichtbar – doch sie braucht eine Erneuerung", meint Peter Hefele vom Wilfried Martens Centre for European Studies.

Bogdan Hoyaux; European Union, 2022; EC - Audiovisual Service

Die transatlantischen Bande in Zeiten der Unsicherheit bekräftigen

Nur wenige Beziehungen haben die moderne Welt so nachhaltig geformt wie die transatlantische Partnerschaft zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Seit mehr als siebzig Jahren bildet sie das Fundament gemeinsamer Sicherheit, Wohlstandsentwicklung und demokratischer Werte. Heute jedoch wird diese Partnerschaft auf eine selten dagewesene Probe gestellt.

Der anhaltende Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, das selbstbewusstere Auftreten autoritärer Regime sowie wachsende Spannungen in den Bereichen Handel, Technologie und Energie verändern das globale Gleichgewicht. Die Welt von 1945 – und auch jene der Zeit nach 1990 – existiert nicht mehr. Die bekannte Ordnung ist einer instabileren, wettbewerbsorientierten Welt gewichen, die erneuertes Engagement und engere Zusammenarbeit erfordert. Mit der Regierung Trump II stehen die transatlantischen Beziehungen zudem vor bislang unbekannten Konflikten und grundlegend veränderten politischen Orientierungen.

Diese Zeitenwende – ein echter Wendepunkt – fordert sowohl Europa als auch die Vereinigten Staaten auf, ihr Verhältnis neu zu überdenken und es an die globale Realität des 21. Jahrhunderts anzupassen.

Die folgenden neun Überlegungen skizzieren die notwendigen Schritte, um Vertrauen wiederherzustellen und die transatlantische Zusammenarbeit als Fundament europäischer Sicherheit, politischer Stabilität und künftigen Wohlstands zu erneuern.

Bei einer Dinner-Diskussion mit jungen Führungskräften aus Washington und Brüssel am betonte Peter Hefele (oben links), dass Bündnisse und Verbündete weiterhin von entscheidender Bedeutung seien.

Mariana Dets; Hanns Seidel Foundation Brussels Office; Hanns Seidel Foundation

Neun Überlegungen zur Zukunft der transatlantischen Partnerschaft

1. Nicht alles ist verloren
Auch wenn die Geschichte weitergeht und Spannungen bestehen bleiben, verschwindet die gemeinsame Vergangenheit Europas und der Vereinigten Staaten nicht einfach. Über sieben Jahrzehnte war die transatlantische Partnerschaft das Rückgrat von Sicherheit, Wohlstand und Demokratie. Dieses historische Fundament bleibt eine tragfähige Basis, die bewahrt und gestärkt werden muss.

2. Eine neue geopolitische Realität
Selten war das internationale Umfeld herausfordernder. Die vertrauten Gewissheiten der Vergangenheit sind verschwunden. Europa muss seine Identität und seine Rolle in der Welt neu definieren. Diese Debatte wird die Zukunft des Kontinents auf Jahre hinaus prägen.

3. Autoritären Allianzen entgegentreten
Europa und die Vereinigten Staaten sehen sich wachsender Konkurrenz durch autoritäre Mächte gegenüber, die Demokratie untergraben wollen. Nötig ist eine engere Abstimmung in Fragen von Sicherheit, Handel und Technologie. Die Zeit sektoraler Einzelpolitiken ist vorbei; Herausforderungen lassen sich nicht länger nur regional oder unilateral betrachten.

4. Europäische Verteidigung und die bleibende Rolle der NATO
Europa baut eigene Verteidigungsstrukturen auf, doch die NATO bleibt das Fundament kollektiver Sicherheit. Entscheidend sind faire Lastenteilung und glaubwürdige Fähigkeiten – nicht Doppelstrukturen. Europas Botschaft ist klar: Wir sind bereit, uns zu verteidigen – und dies gemeinsam mit unseren Verbündeten.

5. Technologische Kooperation als strategische Priorität
Der Einfluss des Westens in der globalen Technologie hängt von engerer Zusammenarbeit in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit und sichere Lieferketten ab. Auch wenn die Ansätze – insbesondere in der Regulierung – unterschiedlich sein mögen, müssen Europa und die Vereinigten Staaten gemeinsame Standards und Initiativen entwickeln, um Innovationsführer zu bleiben.

Seit mehr als sieben Jahrzehnten bildet die transatlantische Partnerschaft das Rückgrat von Sicherheit, Wohlstand und Demokratie auf beiden Seiten des Atlantiks.

Timon Ostermeier; AI-Generated Content, 2025

6. Die grüne Transformation konsequent fortsetzen
Die europäische Debatte über Bürokratieabbau darf nicht mit einem Rückzug aus der grünen Transformation verwechselt werden. Das Ziel der EU, über fossile Energieträger hinauszugehen, bleibt bestehen. Nun sind mehr Wettbewerbsfähigkeit, Investitionen und Innovation gefragt – sowie ein konstruktiver Dialog mit den USA, wie gemeinsame Klimaziele erreicht werden können.

7. Abhängigkeiten verringern, wirtschaftliche Sicherheit stärken
Europa hat in den letzten Jahren schmerzliche Lehren aus seiner ökonomischen Abhängigkeit von autoritären Regimen gezogen. Es muss offen für die Welt bleiben, sich aber vor unfairen Praktiken und Erpressung schützen. Ein umfassendes Handelsabkommen zwischen der EU und den Vereinigten Staaten wäre ein starkes Signal gemeinsamer Resilienz und Entschlossenheit.

8. Die Öffentlichkeit wieder stärker einbinden
Öffentliche Unterstützung ist entscheidend für die Zukunft der transatlantischen Kooperation. In den vergangenen Monaten bestimmten allzu oft Konflikte und Meinungsverschiedenheiten die Debatte und das gegenseitige Bild. Wir brauchen mehr positive Geschichten über gemeinsame Erfolge und Möglichkeiten – um Vertrauen und ein Gefühl gemeinsamer Zielsetzung wiederherzustellen.

9. Brücken bauen und zivilgesellschaftlicher Dialog
Die Stärkung der transatlantischen Beziehungen erfordert kontinuierlichen Dialog und Zusammenarbeit. Politische Stiftungen, Think Tanks, Universitäten und zivilgesellschaftliche Organisationen spielen eine Schlüsselrolle, um diese Partnerschaft zu tragen und weiterzuentwickeln.

Eine Partnerschaft, die erneuert werden muss

Die transatlantische Partnerschaft bleibt unverzichtbar – doch sie braucht eine Erneuerung. Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts – von Sicherheitsbedrohungen über Klimawandel bis hin zu technologischer Konkurrenz – verlangen gemeinsames Handeln und Führung. Europas wachsender Anspruch auf größere strategische Autonomie sollte als positiver Beitrag zu einem ausgewogeneren Bündnis verstanden werden, nicht als Zeichen der Distanz zu Washington.

Bündnisse und Verbündete sind wichtig – nicht aus Schwäche, sondern weil sie verdeutlichen: In Zeiten der Unsicherheit bleibt die Partnerschaft über den Atlantik hinweg die stärkste Verteidigung von Demokratie und Freiheit.

Die Werte, die Europäer und Amerikaner teilen – der Glaube an Freiheit, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit – müssen erneut ihren gemeinsamen Weg in die Zukunft leiten.

Dieser Kommentar basiert auf einer Rede, die der Autor im Rahmen eines transatlantischen Austauschs mit jungen Führungskräften aus Brüssel und Washington hielt. Gastgeber der Veranstaltung waren das Brüsseler Büro der Hanns-Seidel-Stiftung und das Wilfried Martens Centre for European Studies.

Die Dinner-Diskussion fand am 25. September 2025 in Brüssel unter dem Titel Who Needs Allies? A Conversation on the Transatlantic Partnership“ statt. Sie war Teil des 36. jährlichen Hanns Seidel Memorial Fellowship-Programms, das Mitarbeitern führender Abgeordnetenbüros des US-Kongresses die Möglichkeit bietet, ein unmittelbares Verständnis für die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräfte zu gewinnen, die die transatlantischen Beziehungen in Europa prägen. Während des einwöchigen Programms in München und Brüssel erhielten die Fellows direkten Zugang zu hochrangigen Entscheidungsträgern der Europäischen Union, der NATO sowie der Bayerischen Staatsregierung, ebenso wie zu führenden Persönlichkeiten in Wirtschaft und Denkfabriken.

Im Rahmen der Dinner-Diskussion tauschten die Teilnehmer ihre Sichtweisen darüber aus, welche Rolle die transatlantische Partnerschaft bei der Bewältigung geopolitischer Rivalitäten, technologischer Transformationsprozesse und wirtschaftlicher Herausforderungen im Zuge des Aufstiegs Chinas spielen sollte und könnte. Ebenso diskutierten sie, wie Verbündete die öffentliche und politische Unterstützung für die transatlantische Kooperation erhalten können – und dies, während sie mit Unterschieden und auseinandergehenden Erwartungen umgehen müssen.

Wilfried Martens Centre for European Studies

Über den Autor

Dr. Peter Hefele ist Policy Director des Wilfried Martens Centre for European Studies, der Denkfabrik der Europäischen Volkspartei (EVP), sowie Alumnus der Hanns-Seidel-Stiftung.

Am Wilfried Martens Centre in Brüssel ist er verantwortlich für die Entwicklung mittel- und langfristiger Politikkonzepte in der Europäischen Union – aus christdemokratischer und konservativer Perspektive.

Weitere Informationen zu seiner Arbeit und seinen Kommentaren finden Sie auf seiner Website oder bei LinkedIn.