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Regierungsbildung in den Niederlanden
Minderheitskoalition hofft auf neue politische Kultur

Autorin/Autor: Angela Ostlender

Nach nur 92 Tagen Verhandlungen, der schnellsten Regierungsbildung seit 2012, haben sich D66, VVD und CDA auf einen Koalitionsvertrag zur Bildung einer Minderheitsregierung verständigt, der am 30. Januar 2026 offiziell präsentiert wurde.

Der Vertrag trägt den Titel „An die Arbeit“ und sieht unter anderem vor, das Haushaltsdefizit unter zwei Prozent zu halten, gemeinsame europäische Kredite abzulehnen und die Aufnahme von Asylsuchenden besser organisieren, ihre Integration in den Arbeitsmarkt fördern und gleichzeitig den Zustrom durch Bearbeitung von Anträgen außerhalb der EU und Rückkehrzentren begrenzen. Auch die fortgesetzte Unterstützung der Ukraine ist fest verankert.

Wer künftig in den Binnenhof einzieht, wird noch entschieden.

Wer künftig in den Binnenhof einzieht, wird noch entschieden.

Markus Bernet; Wikimedia Commons

Entscheidung für ein Minderheitskabinett

Nach intensiven Gesprächen mit mehreren Parteien entschieden sich Anfang Januar 2026 die sozial-liberale Partei D66, der christdemokratische Christen-Democratisch Appèl (CDA) und die rechts-liberale Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD) für die Bildung einer Minderheitsregierung. Im Unterhaus verfügt das Bündnis über lediglich 66 der 150 Sitze, im Senat fehlen ihm sogar 16 Mandate zur Mehrheit. Die künftige Regierung ist damit auf die Unterstützung wechselnder Oppositionsparteien angewiesen.

Die Entscheidung für ein Minderheitskabinett war weniger Ausdruck politischer Präferenz als Ergebnis begrenzter Optionen. Die zunehmende Fragmentierung des Parteiensystems erschwert stabile Mehrheiten, darüber hinaus gab es bereits im Vorfeld kategorische Ausschlüsse: so lehnte die VVD eine Zusammenarbeit mit dem links-progressiven Bündnis aus PvdA und GroenLinks ab, D66 schloss JA21 als Koalitionspartner aus.

Gerade für den CDA war das Minderheitsmodell ein pragmatischer Schritt. Parteichef Henri Bontenbal betonte mehrfach, ein Minderheitskabinett sei kein Ideal, sondern eine realistische Antwort auf blockierte Mehrheitsoptionen. Ziel sei es, politische Handlungsfähigkeit zu sichern, ohne künstliche Lagerbildungen zu erzwingen.

Inhaltlich stützt sich die Koalition auf begrenzte, aber tragfähige politische Schnittmengen: europäische Integration, Rechtsstaatlichkeit, Unterstützung der Ukraine sowie wirtschaftliche Modernisierung und Investitionen in Sicherheit und Infrastruktur. Gleichzeitig bestehen erhebliche Differenzen in gesellschafts-, migrations-, klima- und sozialpolitischen Fragen. Während D66 eine progressive Agenda verfolgt, positioniert sich die VVD marktorientierter und migrationspolitisch restriktiver; der CDA steht für soziale Verantwortung und solide Haushaltsführung. Diese Spannungen begrenzen die programmatische Tiefe der Koalition und verstärken ihre Abhängigkeit von thematisch begrenzten parlamentarischen Mehrheiten.

Henri Bontenbal (CDA) will die politische Handlungsfähigkeit sichern.

Henri Bontenbal (CDA) will die politische Handlungsfähigkeit sichern.

Leonard Walpot; BY 4.0; Wikimedia Commons

Oppositionsparteien und die "Kunst der Zusammenarbeit"

Ohne feste Mehrheit ist die Regierung gezwungen, kontinuierlich mit Oppositionsparteien zu verhandeln. Im Koalitionsvertag heißt es, die künftige Minderheitsregierung „befindet sich auf unbekanntem Terrain“; die wichtigste Lektion: die „Kunst der Zusammenarbeit und Konsultation“ neu zu erlernen. Politik wird damit weniger durch Koalitionsdisziplin als durch themengebundene Allianzen und informelle Absprachen geprägt. Der institutionelle Charakter des Kabinetts verschiebt sich: Die Regierung agiert weniger als geschlossene Einheit, sondern stärker als moderierender Akteur. Auch soll die Zusammenarbeit zwischen dem Kabinett und zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie anderen Regierungsstellen intensiviert werden. 

Bontenbal, beschreibt das Minderheitskabinett als Chance für eine andere politische Kultur. Kooperation solle nicht entlang starrer Lager, sondern entlang inhaltlicher Überschneidungen organisiert werden. Ein solches Modell zwinge Regierung und Opposition gleichermaßen zu Verantwortung und Dialog. 

Auffällig ist die anfänglich zurückhaltende Haltung zentraler Oppositionsakteure. Der JA21-Politiker Joost Eerdmans verzichtet demonstrativ auf frühe Eskalationen und signalisiert Offenheit für fallweise Kooperation. 

Die größte Oppositionskraft, das links-progressive Bündnis aus PvdA und GroenLinks, steht vor einem strategischen Dilemma. Einerseits besteht in sozial- und klimapolitischen Fragen punktuelle Nähe zu D66, andererseits will man vermeiden, als informeller Mehrheitsbeschaffer einer bürgerlich dominierten Regierung wahrgenommen zu werden. Die Rolle der konstruktiven, aber klar profilierten Opposition dürfte hier im Vordergrund stehen.

Als zweitstärkste Partei des Landes bleibt die rechtspopulistische PVV von Geert Wilders weitgehend isoliert. Zwar kann sie in migrations- und sicherheitspolitischen Themen punktuell Anschluss an VVD-Positionen finden, doch gilt eine systematische Zusammenarbeit weiterhin als politisch kaum vermittelbar. Die jüngsten innerparteilichen Spannungen – etwa die Streichung einzelner Kandidaten von Wahllisten – schwächen zusätzlich ihre Verhandlungsposition.

Die Bauern-Bürger-Bewegung (BBB) verfolgt einen pragmatischen Kurs und könnte insbesondere in agrarpolitischen Fragen ein relevanter Partner werden. Kleinere Parteien wie die ChristenUnie oder 50Plus betonen konstruktive Dialogbereitschaft, äußern jedoch zugleich Skepsis gegenüber der langfristigen Stabilität des Kabinetts. Am rechten Rand bleibt das Forum voor Democratie (FVD) weitgehend isoliert und politisch marginalisiert, nicht zuletzt durch laufende juristische Verfahren gegen prominente Vertreter.

Der CDA als Scharnierpartei

In dieser Konstellation kommt dem CDA eine zentrale Rolle zu. Bontenbal versteht seine Partei als Scharnier zwischen Koalition und Opposition, ohne feste Präferenzpartner. Der CDA setzt auf gleichwertige Zusammenarbeit mit allen demokratischen Parteien und reklamiert damit eine stabilisierende Funktion im parlamentarischen Prozess. Angesichts anhaltender Fragmentierung könnte das aktuelle Minderheitskabinett aus dieser Perspektive auch als Testfall für zukünftige Regierungsmodelle gelten.

Rob Jetten (D66) wird voraussichtlich neuer niederländischer Ministerpräsident.

Rob Jetten (D66) wird voraussichtlich neuer niederländischer Ministerpräsident.

Martijn Beekman / D66; Wikimedia Commons

Zentrale Persönlichkeiten und Ausblick

Zentrale politische Persönlichkeiten der neuen Konstellation sind Rob Jetten als führender Vertreter von D66, Dilan Yeşilgöz als Parteivorsitzende der VVD sowie Henri Bontenbal für den CDA. Während Jetten als ideeller Motor des Projekts gilt und für eine progressive, europafreundliche Ausrichtung steht, verkörpert Yeşilgöz den wirtschaftsliberalen und sicherheitspolitisch eher restriktiven Flügel der Koalition. Bontenbal nimmt eine vermittelnde Rolle ein und betont wiederholt die Notwendigkeit institutioneller Stabilität, Haushaltsdisziplin und konstruktiver parlamentarischer Zusammenarbeit. Bereits diese personelle Zusammensetzung verweist auf die innere Heterogenität des Kabinetts.

Der Zeitplan sieht vor, dass der Koalitionsvertrag am Dienstag dem Parlament zur Abstimmung vorgelegt wird. Die Ministerposten werden nach dessen Annahme besetzt.

Der neue niederländische Koalitionsvertrag markiert keinen klaren Machtwechsel, sondern den Beginn einer politisch fragilen Phase. Weder künftige Regierung noch Opposition verfügen über strategische Dominanz. Stattdessen entsteht ein neues Machtgefüge, das stark von situativer Kooperation und institutioneller Lernfähigkeit abhängt. Ob daraus tatsächlich eine „neue politische Kultur“ entsteht oder lediglich eine Phase erhöhter Unsicherheit, wird sich zeigen. 

 

>>>Lesen Sie auch unseren Beitrag zum Wahlausgang in den Niederlanden vom 29. Oktober 2025

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