EU-Mercosur-Abkommen
EU–Mercosur: Warum ein unterschätztes Abkommen plötzlich unverzichtbar wurde
European Commission President Ursula von der Leyen at the Uruquay Mercosur Summit, (C) European Union 2024
Visit of Ursula von der Leyen, President of the European Commission, to Paraguay, (C) European Union 2026
Warum es nie wirklich nur um Handel ging
Als die Verhandlungen über das Abkommen vor über 25 Jahren begannen, sah die Weltpolitik ein gutes Stück anders aus. Diplomaten konnten es sich noch leisten, über Quoten, Umweltklauseln und Regulierungsdetails zu streiten. Heute sieht sich Europa zwischen einem selbstbewussten China und einer außenpolitisch neudefinierten US-Regierung eingeengt. Die EU muss beweisen, dass sie ihre viel gerühmte „strategische Autonomie” auch in die Tat umsetzen kann. Der Binnenmarkt Mercosur hingegen will zeigen, dass auch er verschiedene Optionen hat.
Das nun größte Handelsabkommen der Welt, das am 17. Januar von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und den Außenministern der Mercosur-Staaten unterzeichnet wurde, wird 31 Länder und beinahe 800 Millionen Menschen umfassen. Der Warenhandel hat bereits ein Volumen von über 110 Milliarden Euro pro Jahr erreicht. Prognosen der EU zufolge könnte die Ratifizierung das Volumen der EU-Exporte nach Mercosur um bis zu 49 Milliarden Euro pro Jahr steigern. Im Vergleich dazu sind Mercosurs Gewinne eher begrenzt und sektorspezifisch. Sie konzentrieren sich weitgehend auf die brasilianischen Landwirtschafts- und Rohstoffexporte.
Der wirtschaftliche Aspekt des Abkommens ist jedoch nicht entscheidend, oder jedenfalls, nicht mehr. Sein wahrer Wert liegt in der Geopolitik. Für Europa beweist die Unterzeichnung, dass die EU immer noch verhandeln, und, vor allem, liefern kann, auch wenn nur langsam. Für Mercosur bedeutet das Abkommen die Bestätigung seiner eigenen Handlungsfähigkeit. Statt sich zwischen Chinas Kaufkraft und Washingtons Aufmerksamkeit entscheiden zu müssen, gewinnt der Block einen dritten Pfeiler dazu: Europas Markt und politische Stabilität. Diese Dreiecksbeziehung erhöht die Verhandlungsmacht beider Regionen und dämpft externe Schocks. Chinesische Produktionseinbußen, politische Kehrtwenden in der US-Politik oder erneute Zollandrohungen könnten dadurch weniger gefährlich werden.
Von Rhetorik zu Verantwortung
Die Wochen vor der Unterzeichnung dieses Abkommens waren für europäische Politiker keine leichten. Ein politischer Schrecken folgte dem nächsten. Sollte die Botschaft in der Rede des US-Vizepräsidenten auf der Münchener Sicherheitskonferenz im Februar 2025, noch nicht klar gewesen sein, so bestätigte die neue amerikanische Nationale Sicherheitsstrategie im Dezember alle Befürchtungen einer Entfremdung in der transatlantischen Beziehung. Die US-Aktionen in der „westlichen Hemisphäre“, vor allem in Venezuela, zeigen unmissverständlich, dass die transatlantische Verbindung zwischen Brüssel und Washington schwächer wird.
„Schwach” und gar „zerfallend”: so beschrieb US-Präsident Donald Trump Europa in einem Interview im Dezember 2025. Leider hat die Ungewissheit rund um die letzte Phase des Abkommens mit Mercosur diese Einschätzung nur noch verstärkt. Das langwierige Hin und Her zwischen den EU-Mitgliedsstaaten und den EU-Institutionen hat die Geduld der Lateinamerikaner strapaziert. Das Tauziehen offenbarte die zunehmenden nationalistischen Tendenzen in der europäischen Politik. Innere Angelegenheiten haben schon immer auch Außenpolitik bestimmt. Jedoch macht die z.T. durch rechtsextreme Strömungen bedingte Fokussierung mancher EU-Länder auf Innenpolitik die Anpassung an die neue Weltordnung schwerer als nötig.
Beim Gipfel 2023 zwischen der EU und der Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten (CELAC) sagte die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen: „[…] gleichgesinnte Freunde wie Europa und Latein-Amerika müssen zusammenstehen.” Trotz gemeinsamer demokratischer Werte und institutioneller Tradition blieb die Beziehung zwischen den beiden Regionen lange oberflächlich. Europa hielt an freundschaftlichen Beziehungen fest, doch hochrangige Besuche gab es selten. Politische Aufmerksamkeit war eher sporadisch. Der EU-CELAC-Gipfel letzten November illustrierte diese Vernachlässigung deutlich: hochrangige europäische Politiker nahmen nicht teil. Während der Global Gateway der EU rund 80 Milliarden Euro in Afrika südlich der Sahara investiert, fließen nur 31 Milliarden Euro in ganz Lateinamerika. Man war mit der Region vertraut und befreundet, strategisch behandelte man sie jedoch nur nebensächlich. Größtenteils wurde sie China und den USA überlassen.
Diese Zeit ist nun vorbei. Europa hat aus den Konsequenzen übermäßiger Abhängigkeit von wenigen Energie- und (kritischer) Rohstofflieferanten gelernt. Kombiniert mit der wachsenden Unsicherheit einer internationalen Ordnung, die sich im Umbruch befindet, ist der Bedarf nach verlässlichen Partnern im Handel und in internationalen Foren groß. Europa braucht neue, gleichgesinnte Verbündete.
Paraguays Präsident Santiago Peña beschrieb die neue Lage passend. Das Abkommen sei „mehr als nur eine kommerzielle Allianz“, sagte er. Denn auch die Mercosur-Staaten streben an, ihre Wirtschaft zu diversifizieren. Sie sehen sich von überwältigender chinesischer Handelsdominanz, schamloser US-Durchsetzungskraft und eigener wirtschaftlicher Stagnation eingezwängt. Besonders für Brasilien, das wirtschaftliche Schwergewicht des Blocks, geht es bei dem Abkommen um mehr als nur einen Marktzugang. Es geht auch um diplomatischen Einfluss auf der Weltbühne. Der Deal soll beweisen, dass Mercosur seine Beziehungen selbst festigen kann, statt nur Zuschauer beim Kampf der Großmächte zu sein. Beide Seiten brauchen das, was der andere bieten kann: Gleichgewicht, Ressourcen, Stabilität; aber vor allem, politischen Handlungsspielraum.
Visit of Ursula von der Leyen, President of the European Commission, to Uruguay, participation in the 65th Mercosur Summit Meeting. (C) European Union 2024
„Strategische Autonomie“ unter Beweis
Die Unterzeichnung des Abkommens ist der „einfache“ Teil. Die Umsetzung erfordert nachhaltige politische Disziplin.
Wenn Europa seinen Teil erfüllt, würde dies beweisen, dass „strategische Autonomie“ mehr als nur ein Schlagwort ist. Wenn Mercosur seinen Teil erfüllt, wäre dies ein Zeichen für Zusammenhalt, Glaubwürdigkeit und die Bereitschaft zu weiteren Abkommen. Es steht viel auf dem Spiel. Der Handelsdeal betrifft etwa 10% der Weltbevölkerung.
Die Einigung gibt beiden Seiten mehr Handlungsspielraum in einer zunehmend gespaltenen Welt. Dieser kann jedoch schnell verschwinden, wenn die Umsetzung ins Stocken gerät oder zum Spielball innenpolitischer Debatten und überstrapazierter Bedingungen wird. Sollte es so kommen, wäre es für Mercosur eine verpasste Gelegenheit. Aber für Europa, würde es einen Glaubwürdigkeitsverlust bedeuten. Es würde das Narrativ untermauern, dass die EU endlos über Autonomie, Partnerschaft und Strategie sprechen kann, jedoch versagt, wenn es darum geht, zu handeln.
Gelingt die Umsetzung, wird der 17. Januar 2026 als ein seltener Wendepunkt in den Geschichtsbüchern eingehen. Einem, in dem zwei Weltregionen Zusammenarbeit statt Entfremdung wählten.
Autorin Gabriela Keseberg Davalos
Über die Autorin
Gabriela Keseberg Dávalos ist eine bolivianisch-deutsche Strategieberaterin. Unter anderem war sie als leitende außenpolitische Beraterin des Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments für Menschenrechte und Demokratie, als Direktorin für Globale Öffentlichkeitsarbeit eines Netzwerks von 70 Think tanks aus dem Globalen Süden und als Journalistin beim öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ZDF tätig.
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