Europäische Ideengeschichte
Franz Josef Strauß: Realpolitiker und Vordenker Europas
CSU-Plakat zur Bundestagswahl 1969: "Wir brauchen Europa"
ACSP, Pl S 525; Archiv für Christlich-Soziale Politik (ACSP)
Gemeinhin wird Franz Josef Strauß nicht in einem Atemzug genannt mit den deutschen Größen der europäischen Einigung wie Konrad Adenauer, den er menschlich und politisch achtete, und Helmut Kohl, zu dem er zeit seines Lebens in machtpolitischer Rivalität stand.
Zur sehr ist sein Bild in der Öffentlichkeit geprägt als bayerisch-regionaler Machtpolitiker mit bundespolitischen Ambitionen und weltpolitischem Ehrgeiz. Dabei wird oft übersehen, dass Strauß seit den Nachkriegsjahren eine herausragende Rolle bei der Festlegung des proeuropäischen Kurses seiner Partei CSU spielte. Dies gründete auf der tiefen Überzeugung, dass die deutsche Teilung letztlich nur durch die Aufhebung der europäischen Teilung überwunden werden könnte.
Nicht zu Unrecht hat der Vorsitzende der Hann-Seidel-Stiftung und Wirtschaftskoordinator der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament, Markus Ferber, anlässlich des Europatags 2021 festgestellt:
Es sind CSU-Politiker wie Josef Müller und Franz Josef Strauß, die den Grundstein dafür gelegt haben, dass auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges ein friedliches, prosperierendes Europa der Versöhnung entstehen konnte.“
Dass Europa zentral in Strauß' Denken und Politikerleben figurierte, lässt sich an einigen Eckdaten seines Lebenslaufs erkennen.
Biografischer Hintergrund und Parteiprägung
Schon als 15-jähriger Schüler fühlte Strauß sich entgegen nationalistischer Strömungen in der späten Weimarer Republik von der Paneuropa-Idee Richard Coudenhove-Kalergis angezogen.
Er bekannte sich durch seinen Beitritt zur Europa-Union zur politischen Einigung des Kontinents auf christlicher Grundlage. Den Sieg der Völkerbunds-Idee von 1919 und der „härteren Realitäten“ des Nationalsozialismus über die Paneuropa-Konzeption bezeichnete Strauß später als „verpasste Sternstunde“ Europas.
Prägten die deutsche und europäische Geschichte: Franz Josef Strauß (r.) mit Konrad Adenauer bei bei einem Empfang zu Adenauers 84. Geburtstag auf der Terrasse des Palais Schaumburg am 5. Januar 1960.
Rolf Unterberg; Bundesregierung
Seine Erfahrungen als Soldat und Offizier an der Ostfront und Widerstandskämpfer gegen das III. Reich bildeten die Grundlage seiner Überzeugung von Europa als Garant des Friedens und des Schutzes vor Krieg.
Es ist zwar richtig, dass die CSU in ihren frühen Jahren unter ihren Parteiführern Josef Müller und Hanns Seidel ein starkes Engagement für die Europa-Idee à la Schuman mit einem „aktionsfähigen Straßburger Parlament“ entwickelte. Jedoch war es in letzter Konsequenz Strauß, der das christsoziale Bekenntnis für Europa in der DNA der Partei verankerte und fortschrieb.
Beispielhaft dafür war, dass die CSU unter Strauß' Führung 1976 zu den zehn Gründungsmitgliedern der EVP, die seit 1999 die stärkste Fraktion im Europäischen Parlament bildet, in Luxemburg zählte. Bereits 20 Jahre zuvor, als Mitglied des noch nicht direkt gewählten Straßburger Parlaments, hatte Strauß mit acht Kollegen aus anderen Nationen die Christdemokratische Fraktion gegründet.[1]
Auch ist Strauß zuzurechnen, dass er 1979 für die erste Direktwahl des Europäischen Parlaments in Otto von Habsburg einen kongenialen Mitstreiter für die CSU bei der Europäischen Einigung fand. Mit diesem teilte er die Überzeugung von einem ganzheitlichen, ungeteilten Europa, und mit ihm bleib er eng politisch verbunden. Nicht von ungefähr lautete der Wahlslogan damals „Mut zur Freiheit – Chance für Europa“.
Auch in der Kampagne für seinen letzten Europawahlkampf von 1984 ließ Strauß keinen Zweifel an seinem pro-europäischen Kurs und dem seiner Partei aufkommen:
Auf den Wahlplakaten firmierte sein Konterfei, überschrieben mit einem unmissverständlichen „Ja zu Europa“ in dicken Lettern. Ein klares Bekenntnis eines Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten, wie es die CSU in jüngeren Jahren nicht immer gezeigt hat. Zu sehr verfolgte sie oft eine Doppelstrategie, einerseits als grundsätzlicher Unterstützer der europäischen Integration, andererseits aber auch als Kritiker überbordender Regulierung und Bürokratie aus Brüssel.
Strauß' Weltbild
Ideengeschichtlich bilden einige Konstanten in Strauß Denken, gespeist aus persönlichen Erfahrungen und sich herauskristallisierenden politischen Überzeugungen, die Grundlagen seines außenpolitischen, insbesondere europapolitischen Weltbildes. Da ist zum einen der tief verwurzelte Antagonismus zum totalitären Russland, der Sowjetunion, der wie schon erwähnt aus seinen Kriegserfahrungen resultiert. Deshalb kann aus seiner Sicht auch ein vereintes Europa nie über die westliche Staatsgrenze der damaligen Sowjetunion hinausreichen.
Neben der Ideologie und dem kommunistischen Gesellschaftssystem sei es das Gewicht Russlands als „teilasiatische Macht“, also seine geographische Lage zwischen Europa und Asien, wie er 1968 in seinem Programm für Europa schrieb, das dem im Wege stünde. Die Frage der Finalität Europas im Osten ist damit für ihn unverrückbar geklärt.
Zum anderen ist Strauß ein unerschütterlicher Transatlantiker: Aber die Lage Europas zwischen den Weltmächten Moskau und Washington, gerade die wirtschaftliche Vormacht des letzteren und Europas sicherheitspolitische Abhängigkeit, verweisen für ihn auf die Notwendigkeit eines größeren Zusammenschlusses der europäischen Nationen. Nur so sei eine Emanzipation Europas denkbar.
Das kommunistische China war für den Realpolitiker und Strategen Strauß als ein Gegengewicht zur Großmacht UdSSR einzubeziehen, aber eben auch als Partner für deutsche Wirtschaftskraft wichtig, wie es heute noch der Fall ist.
Im nationalstaatlichen, europäischen Rahmen ging es ihm aber vor allem um die deutsch-französische Aussöhnung, die Etablierung einer engen Partnerschaft mit dem westlichen Nachbarn und die Schaffung einer stabilen deutsch-französischen Achse.
CSU-Wahlplakat zur Europawahl 1984: "Ja zu Europa"
Archiv für Christlich-Soziale Politik (ACSP); ACSP, PL S 104
Strauß' Vision von Europa
Wie sieht nun Strauß' Vision von Europa aus? Er hat sie hauptsächlich in zwei Schriften der 1960er Jahre, also weit vor der deutschen Wiedervereinigung und den späteren Einigungsschritten zur Europäischen Union verfasst: „Entwurf für Europa“ von 1966 und „Herausforderung und Antwort – ein Programm für Europa“ von 1968. Obwohl sie als Dokument der Zeitgeschichte vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen ihrer Entstehung zu lesen sind, enthalten sie sie doch klare und weiterhin gültige Aussagen zu einer zukünftigen Gestaltung Europas.
Strauß' Zielbild sind die Vereinigten Staaten von Europa, eine gesamteuropäische Föderation, die den Endpunkt seiner schrittweisen politischen Einigung von allen Völkern West- und Mittelosteuropas, bildet. Gerade der überzeugte Transatlantiker Strauß erkannte weitsichtig, dass der Schutzschirm der USA über Europa angesichts dessen militärischen Engagements im Pazifik nicht auf ewig gespant ist. Es sind folglich vor allem die Sicherheitsinteressen Europas, die ein Zusammenwachsen des Kontinents mithilfe einer gemeinsamen Außen- und Verteidigungspolitik – inklusive nuklearer Abschreckungsmacht –erforderlich machten. Nur dadurch ließe sich das „innere Wachstum der Wirtschaftsunion abschirmen“. Nur ein bundesstaatlich organisiertes "Europa der Völker" wäre überhaupt in der Lage, die Interessen der europäischen Nationen gegenüber den Weltmächten kontinentaler Größenordnung wirkungsvoll zur Geltung zu bringen."[2]
Europa wird in der Vorstellungswelt von Strauß durch die Überwindung der staatlichen Zerrissenheit zum größeren Vaterland, in dem die egoistisch nationalstaatlich vertretenen Interessen zugunsten solidarischer Politik aufgelöst werden. Denn für Strauß gilt:
"Ein Europa der Vaterländer wäre eine Gruppe der Vaterländer ohne Europa."[3]
Dennoch darf man Strauß' Forderung nach weitgehender Abgabe staatlicher Souveränität und einem europäischen Bundesstaat nicht gleich setzen mit einer völligen Abkehr von der Konzeption des Nationalstaats; er misst ihm einen bestimmten, wenn auch eingeschränkten Stellenwert zu. Denn für Strauß ist es geradezu wesentlich, dass der wirtschaftlich und politisch integrierte Bundesstaat föderal organsiert ist, also Einheit und Vielfalt verbindet. Gerade das kulturelle Erbe der einzelnen Völker mit ihrer Identität und Eigenständigkeit zu erhalten ist aus seiner Sicht Aufgabe des Nationalstaats. In seinen Worten kann „nur ein ausgeprägter Föderalismus der wahren Bedeutung der Nationen in einem vereinten Europa gerecht werden.“[4]
In dieser Hinsicht fühlte sich Strauß einem Europa der Regionen verpflichtet und hielt am Prinzip der Subsidiarität fest. Es ist also dieser Spannungsbogen zwischen der Einsicht in die Notwendigkeit eines souveränen europäischen Bundesstaats auf der einen und der emotionalen Bindung an die nationale Identität auf der anderen Seite, der Strauß' Denken auszeichnet. Nie treffender hat er es selbst formuliert als in dem Dreisatz:
„Bayern ist unsere Heimat, Deutschland unser Vaterland, Europa unsere Zukunft.“
Konzeption und heutige Wirklichkeit
Wie verhält sich Strauß' Vision zur heutigen Wirklichkeit? Die heutige EU der 27 hat nach dem sukzessiven Beitritt der mittelosteuropäischen Staaten in den 2000er Jahren und den Verträgen von Lissabon und Maastricht als umfassende politische Union ganz im Sinne von Strauß Gestalt angenommen. Dennoch ist die von Strauß beschworene „Endform“ der völligen politischen Einigung längst nicht erreicht.
Franz Josef Strauß, Realpolitiker und Vordenker Europas
HSS Europa-Büro Brüssel; AI-generated Content, 2025
Verfassungsrechtlich definiert als Staatenverbund, ist die EU mit ihrer starken Rolle der Nationalstaaten im Rat und dem oft vorherrschenden Zwang zur Einstimmigkeit weit entfernt von den weltpolitisch relevanten und bundesstaatlich organisierten Vereinigten Staaten von Europa, die Strauß vorschwebten.
Vorausschauend hingegen ist sein Anspruch an Europa, dass es ein hohes Maß an Mitverantwortung für die eigene Sicherheit mit einer eigenen europäischen Armee übernehmen muss. Eine Forderung, die sich auch im Grundsatzprogramm der CSU von 2023 findet.[5]
In seiner Begründung bezog er schon die Möglichkeit einer Verlagerung der Sicherheitsinteressen der USA weg von Europa, wie wir sie heute sehen, mit ein, neben der Bedrohungslage durch die Sowjetunion, die heute im Expansionsstreben Russlands seine Entsprechung hat.
Zum Wunsch nach Ausbau der eigenständigen Sicherheits- und Verteidigungspolitik kommt die Forderung nach einer gemeinsamen Außenpolitik als Voraussetzung für „eine Mitbestimmung auf weltpolitischer Ebene“ hinzu. Auch hier hat der von Strauß angeprangerte nationalstaatliche Egoismus vielfach Fortschritte verhindert. Und auch in den wirtschaftlichen Zukunftsfragen des technologischen Fortschritts und der Wettbewerbsfähigkeit forderte Strauß mehr europäisches Handeln. Sie sind, wie der Draghi-Bericht vom vergangenen Jahr zeigt, heute genauso unverändert aktuell und entscheidend für Europas Stellung in der Welt.
All diese Themen sind heute von großer Aktualität. Sie bilden Schwerpunkte der europäischen Politik, wie sie vor einigen Wochen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer Rede zur Lage der Union betont hat. Strauß hat sie in seiner Konzeption von Europa mitgedacht und wichtige Leitlinien für seine Partei, aber auch für Europas Zukunft aufgestellt. Sie wirken in seiner Vision fort.
[1] Bernd Posselt, Bernd Posselt erzählt Europa: Geschichte und Personen, Bauplan und Visionen (Regensburg, 2020), S.114 ff.
[2] Franz Josef Strauß, Entwurf für Europa (Stuttgart, 1966), Kap. 1: Eine Initiative für Europa.
[3] Strauß in HSS Pol. Stud. , 1972.
[4] Programm für Europa, zit. nach Dirk Hermann Voß, Der Paneuropäer Franz Josef Strauß (10.12.2015): https://paneuropa.org/der-paneuropaeer-franz-josef-strauss_id49.
[5] Für ein neues Miteinander – Grundsatzprogramm der CSU, S. 95 f.
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