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Analyse
Das Erweiterungsdilemma der EU im Westbalkan

Autorin/Autor: Timon Ostermeier

Der Erweiterungsprozess auf dem Westbalkan bleibt ein strategisches Ziel der EU – bringt aber für die sechs Kandidaten als auch die EU selbst große Herausforderungen mit sich. Gleichzeitig untergraben Russland und China die Bemühungen der EU in der Region. Kann es sich Brüssel noch leisten, weiterhin ausschließlich auf Formalitäten zu setzen?

Ein "Graubereich" Südosteuropas? Der Westbalkan bezeichnet die verbliebenen sechs Länder der Region, die noch nicht Teil der Europäischen Union sind.

© European Union 2025; multimedia.europarl.europa.eu

Im Jahr 2003 gewährte Brüssel den Westbalkanstaaten eine Beitrittsperspektive. Die ersten Beitrittsgespräche – mit Nordmazedonien – begannen zwei Jahre später. Seither jedoch verging viel Zeit – begleitet von einer Reihe politischer und wirtschaftlicher Krisen, durch die der Westbalkan zunehmend aus dem Fokus der EU-Agenda geriet.

Nachdem Kroatien 2013 als bislang letztes Land der Union beitrat, antwortete Ursula von der Leyens Vorgänger Jean-Claude Juncker auf die Erweiterungsfrage mit einem klaren „nicht in meiner Amtszeit“. Die EU brauche „eine Pause von der Erweiterung, um das Erreichte zu konsolidieren“, erklärte er. 

Als von der Leyen die Führung in Brüssel übernahm, war das europäische Interesse an einer erneuten Erweiterungsrunde somit verhalten. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine löste jedoch ein geopolitisches Erwachen aus – und rückte die Erweiterungspolitik der EU wieder in den Mittelpunkt.

Im Einklang mit dieser Entwicklung bezeichnen sowohl die Europäische Kommission als auch die neue Bundesregierung in Berlin den Erweiterungsprozess inzwischen als eine „geopolitische Notwendigkeit“. Auch im Bereich Sicherheit und Verteidigung intensiviert die EU ihre Zusammenarbeit: Mit Albanien und Nordmazedonien wurden Verteidigungspartnerschaften geschlossen, die künftig eine Beteiligung an Militärübungen und Rüstungsinitiativen ermöglichen.

 

Der Fortschritt auf dem Weg in die Europäische Union verläuft unter den Kandidaten allerdings sehr unterschiedlich: Montenegro und Albanien streben an, alle Verhandlungskapitel bis 2026 bzw. 2027 abzuschließen. Serbien hat rund zwei Drittel der Kapitel geöffnet, steht jedoch vor erheblichen Herausforderungen – insbesondere im Bereich der Rechtsstaatlichkeit, in seinen Beziehungen zu Kosovo sowie angesichts anhaltender Proteste gegen die Regierung. Präsident Aleksandar Vučić sorgte zudem für Unmut in Brüssel, als er in diesem Jahr an den russischen Siegesfeiern auf dem Roten Platz teilnahm und Wladimir Putin die Hand schüttelte.

Nordmazedonien trat im März dem einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraum (SEPA) bei, doch der EU-Beitrittsprozess insgesamt ist blockiert – Bulgarien stellt weiterhin die nationale Identität Nordmazedoniens infrage. Bosnien und Herzegowina ist seit 2022 offizieller EU-Kandidat, doch es sind tiefgreifende und umfassende Reformen nötig. Gleichzeitig spitzen sich die Konflikte mit der sezessionistischen Republika Srpska weiter zu, was Zweifel an der Stabilität der multiethnischen Staatsstruktur aufkommen lässt.

Diskutierten am 24. Juni 2025 auf Einladung des Europa-Büros der Hanns-Seidel-Stiftung (v.l.r.): Jovana Marović, Christian Schmidt, Frauke Seebass, Michael Gahler, MdEP, and Marko Makovec.

Henrik Bauscher; HSS Europe

Die Hanns-Seidel-Stiftung lud im Juni in Brüssel mehrere politische Entscheidungsträger und Regionalexperten ein, um dieses Dilemma – zwischen geopolitischem Druck und unterschiedlichen Reformfortschritten – im Rahmen einer Podiumsdiskussion näher zu beleuchten.

Während der Debatte sprach sich Christian Schmidt, Hoher VN-Repräsentant für Bosnien und Herzegowina sowie stv. Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung,  für einen gesamtheitlichen Ansatz in der europäischen Westbalkanpolitik aus. Ziel solle sein, alle sechs Staaten gleichzeitig in die EU zu integrieren. Aus geostrategischer Sicht, so Schmidt, wäre eine Integration des Westbalkans ohne Serbien unvollständig. Zudem könnten politische Entwicklungen in der Region nicht isoliert voneinander betrachtet werden.

Weiterhin diskutierten:

  • Michael GAHLER, MdEP, EVP-Koordinator im Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten, Europäisches Parlament;
  • Jovana MAROVIĆ, Balkans in Europe Policy Advisory Group; ehem. stv. Premier- und Europaministerin, Montenegro;
  • Marko MAKOVEC, Kabinettchef der EU-Kommissarin für Erweiterung.

Wo die einzelnen Beitrittskandidaten in den Verhandlungen mit der EU stehen und welche internen Herausforderungen die EU selber meistern muss, lesen Sie in unserem ausführlichen Veranstaltungsbericht hier

Kontakt

Policy Officer: Timon Ostermeier
European Dialogue
Policy Officer