Print logo
Zur Hauptnavigation springen Zum Hauptinhalt springen

Neuwahlen in den Niederlanden
Machtverschiebung zugunsten der politischen Mitte

Autorin/Autor: Angela Ostlender

Am 29. Oktober 2025 wählten die Niederlande vorzeitig ein neues Parlament, nachdem Geert Wilders (PVV) im Juni seine Minister im Streit um eine strengere Asylpolitik zurückzog und damit die Regierung platzen ließ. Rund 13,4 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen, über die künftigen 150 Mitglieder der Zweiten Kammer abzustimmen. Die Wahlbeteiligung lag bei 78,4 Prozent.

Wahlsieger Rob Jetten, D66-Vorsitzender und möglicher neuer Ministerpräsident der Niederlande

Wahlsieger Rob Jetten, D66-Vorsitzender und möglicher neuer Ministerpräsident der Niederlande

Martijn Beekman / D66; Wikimedia Commons

Überraschender Wahlausgang – D66 ist Wahlsieger

Entgegen den Prognosen, die bis zuletzt noch Geert Wilders‘ Partij voor de Vrijheid (PVV) vorne sahen und ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Grün-Links-Bündnis (GL-PvdA) und den Christdemokraten (CDA) um Platz zwei vorausgesagt hatten, platzierte sich die vormals linksliberale D66 mit ihrem neuen Vorsitzenden Rob Jetten und einem Zugewinn von 17 Sitzen knapp vor die PVV. Beide Parteien erhalten 26 Sitze im Parlament. 

Die D66 (das „D“ steht für „Democraten“, die „66“ bezieht sich auf das Gründungsjahr 1966), profitierte von einer klaren inhaltlichen Verschiebung zur politischen Mitte, der starken Medienpräsenz und einer professionell geführten, Optimismus verbreitenden Kampagne. Jetten, 38 Jahre alt und ehemaliger Energie- und Klimaminister (Kabinett Rutte IV), positionierte sich als moderner, verbindender Politiker und stieß bei den Wählern auf viel emotionale Resonanz, beispielsweise durch den Bezug auf nationale Symbole, wie die niederländische Flagge, die er nicht „den Rechtspopulisten überlassen“ wolle. Im Gegensatz zu Wilders verkörpert Jetten einen entschieden proeuropäischen Kurs, der die Niederlande wieder als konstruktive und richtungsweisende Kraft innerhalb der Europäischen Union positionieren will.

 

Wahlkampfthemen

Kaum ein Thema bewegte die Niederländer so sehr wie die Wohnungsnot, vor allem in den Ballungszentren: Rund 400.000 Wohnungen fehlen, etwa fünf Prozent des gesamten Bestands. Auch Gesundheitsversorgung und Einwanderungspolitik waren wichtige Wahlkampfthemen. Vor allem die Asylfrage spaltete das Land und führte im September 2025 zu gewaltsamen Protesten in Den Haag, die der PVV jedoch nicht zu mehr Stimmen verhalfen.

 

Gewinner und Verlierer:

Neue Sitzverteilung im niederländischen Parlament

HSS Europa-Büro Brüssel

Denkzettel für ehemalige Regierungsparteien PVV, VVD, BBB und NSC

Die mangelnde Kompromissbereitschaft und fachliche Unerfahrenheit vieler Minister der letzten Regierungskoalition blieb den Wählerinnen und Wählern nicht verborgen und dürfte maßgeblich zum Vertrauensverlust beigetragen haben. Mehrere Parteien – darunter CDA, GL-PvdA und VVD – haben bereits eine (erneute) Zusammenarbeit mit Wilders‘ PVV ausgeschlossen.

Die PVV verliert elf Sitze, gleichzeitig kann die moderate rechte Partei JA21 einen Zugewinn von sieben und das EU-skeptische und russlandfreundliche Forum voor Democratie (FVD) einen Zugewinn von vier Sitzen erzielen. Der rechte Rand bleibt somit stark und erhält insgesamt rund 27 Prozent der Wählerstimmen und 42 Parlamentssitze. 

Die rechtsliberale Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD) unter Dilan Yesilgöz begrenzt ihre Verluste auf zwei Sitze und bleibt drittstärkste politische Kraft des Landes. Die Bauern-Bürger-Bewegung (BBB) reduziert ihre Sitze von sieben auf vier. Die 2023 neu gegründete Zentrumspartei Nieuwe Sociaal Contract (NSC) verliert nach dem Rückzug ihres Gründers Pieter Omtzigt (ehemals CDA) aus der aktiven Politik alle 20 Sitze und scheidet damit vollständig aus dem Parlament aus.

Verluste bei GroenLinks-PvdA und SP

Besonders überraschend sind die Verluste der Grün-Links-Formation (GL-PvdA) von fünf Sitzen, die weit hinter ihren Erwartungen zurückblieb. Parteichef Frans Timmermans, der bereits als möglicher Regierungschef gehandelt wurde, trat noch am Wahlabend zurück. Der Absturz der Partei, wie auch der links-populistischen Socialistische Partij (SP), steht als Hinweis auf das schwindende Interesse an traditionell linken und grünen Themen in einer nach rechts driftenden Wählerschaft. Dennoch bleibt das grün-linke Bündnis potenzieller Koalitionspartner.

Comeback der CDA

Eine bemerkenswerte Renaissance erlebt der Christen-Democratisch Appèl (CDA), der unter dem neuen Vorsitzenden, Henri Bontenbal, 13 Sitze hinzugewinnt und fünftstärkste Kraft wird. Mit Themen wie Ordnung, Verantwortung und einer fairen Wirtschaft gelang es Bontenbal, frühere Wähler zurückzugewinnen und Vertrauen aufzubauen. Die Partei gilt erneut als stabilisierende Kraft in einem fragmentierten Parteiensystem und wird unumgänglich für die Bildung einer neuen stabilen Regierungskoalition sein. 

Henri Bontenbal, der neue Hoffnungsträger des CDA

Henri Bontenbal, der neue Hoffnungsträger des CDA

Leonard Walpot; BY 4.0; Wikimedia Commons

Koalitionsbildung und Ausblick

Mit Rob Jetten (D 66) und Henri Bontenbal (CDA) prägt eine jüngere, sachorientierte Generation die politische Landschaft.  Trotz klarer Wählerbotschaft wird sich die Regierungsbildung dennoch schwierig gestalten. Aufgrund der Fragmentierung des niederländischen Parteiensystems, wird eine Koalition aus mindestens vier Parteien notwendig sein, um die erforderliche Mehrheit von 76 Sitzen zu erreichen. 

Am wahrscheinlichsten gilt eine Mitte-Koalition aus D66, VVD, CDA und GL-PvdA, mit insgesamt 86 von 150 Sitzen, die jedoch zunächst genügend politische Schnittmengen finden muss, da die VVD bislang eine Zusammenarbeit mit der PvdA ausgeschlossen hatte. Der Rückzug von Frans Timmermans könnte sich hier jedoch positiv auswirken.

Alternativ steht ein Mitte-Rechts-Bündnis aus D66, VVD, CDA und JA21 zur Diskussion, das mit der Beteiligung oder Duldung einer oder mehrerer erfahrener Kleinparteien wie der ChristenUnie (CU, stabil bei 3 Sitzen) oder der BBB (4 Sitze) ebenfalls eine Mehrheit erreichen könnte, jedoch Zugeständnisse seitens der JA21 in der Klimapolitik erfordern würde.

Das Wahlergebnis 2025 wird vielfach als Zäsur im niederländischen Parteiensystem interpretiert: Nach Jahren politischer Polarisierung deutet sich eine Rückkehr zur politischen Mitte, zu Mäßigung und Konsenskultur an. Ein Großteil der Wählerinnen und Wähler wünscht sich wieder Stabilität.

 

Parlamentswahlen in den Niederlanden

Das niederländische Wahlverhalten ist für seine Volatilität, seine Experimentierfreudigkeit und starke emotionale Prägung bekannt. Um eine möglichst hohe Wahlbeteiligung zu erreichen, zeigen sich die Niederlande kreativ: Gewählt wird an einem Werktag, die Wahllokale sind von den frühen Morgenstunden bis 21 Uhr geöffnet, und Stimmlokale gibt es auch an öffentlichen Orten wie Bahnhöfe.

Die Bildung stabiler Regierungen bleibt jedoch eine der größten Herausforderungen des niederländischen Systems. Die langwierigen Koalitionsverhandlungen der Vergangenheit – zuletzt dauerten sie mehr als 200 Tage – verdeutlichen die strukturellen Schwächen einer zunehmend fragmentierten Parteienlandschaft. Drei Parlamentswahlen in nur fünf Jahren machen jedoch deutlich, wie wichtig politische Kontinuität und institutionelle Stabilität mit Blick auf die großen globalen und innenpolitischen Herausforderungen künftig sind.

Die niedrige Eintrittshürde ins Parlament begünstigt die Entstehung zahlreicher Klein- und Ein-Themen-Parteien. Rund 0,67 Prozent der Stimmen genügen für einen Sitz im Parlament. Bei der Wahl vom 29. Oktober 2025 traten 27 Parteien an, 15 davon zogen in die Zweite Kammer ein. Diese Vielfalt erschwert nicht nur die Bildung stabiler Koalitionen, sondern beeinträchtigt auch die Qualität der parlamentarischen Arbeit selbst: Kleine Fraktionen können häufig weder die erforderliche fachliche Tiefe noch die thematische Breite abdecken, die eine effektive Parlamentsarbeit verlangt.

 

Regierungsbildung in den Niederlanden – ein langwieriger formaler Prozess

Die Regierungsbildung in den Niederlanden verläuft traditionell in mehreren, klar voneinander abgegrenzten Phasen. Nach den Parlamentswahlen ernennt die Zweite Kammer zunächst sogenannte Verkenner – eine Vertrauensperson, die im Auftrag des Parlaments sondiert, welche Parteien zu Koalitionsgesprächen bereit sind und welche Kombinationen politisch realistisch erscheinen.

Im Anschluss kann die Kammer einen Informateur einsetzen. Diese Funktion hat die Aufgabe, in der sogenannten Informationsphase die inhaltlichen und strategischen Differenzen zwischen den Parteien zu überbrücken und die Grundlagen für eine mögliche Koalition zu erarbeiten. Der Informateur erstellt dazu meist einen Bericht mit Handlungsempfehlungen für die nächste Phase der Regierungsbildung.

Sobald sich ein tragfähiges Bündnis abzeichnet, wird ein Formateur benannt – in der Regel die Person, die als künftiger Premierminister vorgesehen ist. Der Formateur führt die abschließenden Koalitionsverhandlungen und stellt das Kabinett zusammen.

Kontakt

Programm Managerin: Angela Ostlender
Europäischer Dialog
Programm Managerin
Telefon: