Benelux-Delegation zu Gast in München
Europa ist stark im Weltraum – auch dank Bayern
Es hängen nicht nur sämtliche Wirtschaftszweige von Daten und Funksteuerung aus dem Weltall ab; der Weltraum selbst ist ein Geschäftsmodell geworden. Waren einst Satelliten und Raketen im Besitz teurer Staatsprogramme wie der NASA, sind sie heute Teil einer privaten „New Space Economy“.
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Der Weltraum scheint ein wenig in Vergessenheit geraten. 1972 sprang zuletzt ein Mensch schwerelos über den Mond; bei Raketen und Astronauten denkt manch einer an die Mondlandung in Schwarz-Weiß-Bildern aus einem vergangenen Jahrhundert. Elon Musk ist vor allem für seine Elektroautos bekannt – dabei parken nicht nur Teslas rückwärts ein, sondern auch seine Raketen.
Dass „Raketenwissenschaft“ eine Umschreibung für schwerverständliche, alltagsfremde Probleme ist, zeigt: die politische Bedeutung des Weltalls ist noch nicht bekannt genug.
Krieg aus dem Weltall
Dabei mussten westliche Politiker und Militärs 2022 aufschrecken: Bevor Russlands Truppen auf Kiew marschierten, attackierte Moskau Satelliten im Weltall und schaltete so die Kommunikationskanäle der ukrainischen Streitkräfte aus. Dass die Ukrainer trotzdem Überblick auf dem Schlachtfeld behielten, verdankten sie dem Milliardär Elon Musk. Grund: Er brachte seine Satellitenarmada „Starlink“ in Stellung, versorgte das Land mit Internetzugang. Ohne hochauflösende Bilder aus dem Weltall könnten Streitkräfte und Geheimdienste ihre Gegner schwer sehen. Krieg wird nicht mehr auf dem Boden oder zur Luft ausgetragen, sondern im Weltall.
Junge Führungskräfte aus den Benelux-Staaten im Gespräch mit Prof. Dr. Felix Huber, Direktor vom „Space Operations and Astronaut Training“ (DLR/GSOC), hier in einer Nachbildung des Columbus-Moduls auf der ISS.
Timon Ostermeier/HSS
Sicherheitsexpertin Andrea Rotter (Hanns-Seidel-Stiftung) warnt deshalb: „Es könnte Angriffe auf Weltraumsysteme geben sowie Angriffe aus dem Weltraum, die den NATO-Verteidigungsfall nach Artikel 5 auslösen.“ Deshalb sei es auch überfällig gewesen, dass die Bundesregierung jüngst eine eigene Weltraumsicherheitsstrategie vorstellte.
Nicht nur das Militär ist auf funktionierende Satelliten angewiesen: Landwirte benötigen exakte Wetterberichte und steuern ihre Landmaschinen über Satellitennavigation. Eine längere Autofahrt ohne Navi und GPS? Möglich, aber schwierig. Katastrophenschutz und Beobachtung des Klimawandels? Benötigt genaue Daten von hochsensiblen Instrumenten aus atemraubenden Höhen.
Es hängen nicht nur sämtliche Wirtschaftszweige von Daten und Funksteuerung aus dem Weltraum ab, er selbst ist ein Geschäftsmodell geworden. Waren einst Satelliten und Raketen im Besitz teurer Staatsprogramme wie der NASA, sind sie heute Teil einer privaten „New Space Economy“. Die zwei bekanntesten Beispiele für führenden Weltraumunternehmen aus den USA: Musks „SpaceX“ und das Unternehmen „Blue Origin“ von Amazon-Gründer Jeff Bezos.
Europa will unabhängig werden
Doch wo bleibt Europa? Europa will geostrategisch weitestgehend unabhängig werden. Das Weltall nimmt hier eine Schlüsselrolle ein. „Eine Weltraumrevolution ist im Gange“, sagen der europäische Verteidigungs- und Weltraumkommissar Andrius Kubilius und der Chef der Europäischen Weltraumagentur Josef Aschbacher. Sie glauben:
„Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert des Weltraums. Es geht um Innovation, Wohlstand und Sicherheit.“
Die Europäische Kommission will zudem im kommenden Jahr ein neues militärisches Satellitennetzwerk mit hochauflösenden Bildern ins Leben rufen.
Auch den „Antennenturm“ von Airbus and Space haben sich die Benelux-Delegation und HSS-Mitarbeiter angesehen. Dort werden Satellitenantennen unter „Weltraumbedingungen“ getestet.
Airbus Defence and Space
Bayern dürfte dabei eine große Rolle spielen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand hier bereits eine starke technologische Community, die den Freistaat als Wirtschaftsstandort bis heute prägt. Airbus ist eines der weltweit führenden Luftfahrt und Verteidigungsunternehmen und unterhält bei München wichtige Produktionsstandorte. Derzeit legt das Unternehmen seine Weltraumsparte mit zwei weiteren europäischen Champions zusammen: das gemeinsame Projekt „Bromo“ mit Leonardo (Italien) und Thales (Frankreich) gilt als Antwort auf Musks „SpaceX“ und „Starlink“. Zudem stellt Airbus für die Bundeswehr Kommunikationssatelliten her.
Auch das neue Mondkontrollzentrum für die künftige Raumstation „Lunar Gateway“ wird München weiterhin als Standort stärken. Dabei hat das Zentrum als Teil des amerikanischen Artemis-Programms nicht nur den Mond im Blick – sondern auch den Mars. Gleichzeitig entsteht mit dem neuen „Department of Aerospace and Geodesy“ der Technischen Universität München (TUM) Europas größter Luft- und Raumfahrt-Campus.
Die EU braucht „Space Act“
Allerdings gibt es ein Problem: Es existiert kein europäischer Rechtsrahmen, weshalb die EU-Mitgliedstaaten ihre eigenen, nationalen Gesetze entwickeln. Um einer weiteren Fragmentierung und Bürokratisierung mit unterschiedlichen Sicherheitsstandards vorzubeugen, diskutieren in Brüssel derzeit Kommission, Rat und Parlament über einen „EU Space Act“.
Es ist kein Zufall, dass mit der CSU-Politikerin und Mitglied des Europäischen Parlaments Prof. Dr. Angelika Niebler, eine Bayerin die Verhandlungen für die Europäische Volkspartei führt. Sie weiß: „Der Weltraum ist heute das, was die Weltmeere im 16. Jahrhundert waren: Ein strategischer Raum, in dem sich wirtschaftliche Stärke, technologische Souveränität und geopolitische Handlungsfähigkeit entscheiden.“
Dieser Bericht erschien zuerst in einer Langfassung auf der Webseite der Hanns-Seidel-Stiftung. Lesen Sie hier, was den Standort Bayern besonders macht und welche Eindrücke die Nachwuchsführungskräfte aus Belgien, den Niederlanden und Luxemburg während des dreitägigen Dialogprogramms gewannen.
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